Das Gleichnis von der Giraffe und der Maus
Wie du deine Zeit in den Matheklausuren strategisch richtig einteilst
Für mich als Nachhilfelehrer ist es immer wieder
überraschend, dass ausgerechnet die Schülerinnen und Schüler, die ohnehin
keine großen Leuchten in der Mathematik sind, auch noch in der
Zeiteinteilung bei der Klausur katastrophale Fehler machen.
Hey, wir waren alle mal jung und hatten bessere Dinge als
Mathe-Hausaufgaben zu tun. Aber Leute, wenn Ihr schon mit minimalen
Kenntnissen in die Prüfung gehen wollt, dann nehmt doch bitteschön
wenigstens die Punkte mit, die für Euch bestimmt sind. Um das zu
verdeutlichen, erzähle ich all meinen Schüler am Anfang immer das
Gleichnis von der Giraffe und der Maus.
In der Arikanischen Kalahari-Steppe ist das Leben sehr schwer. Es ist
heiß, es gibt wenig Trinkwasser und wenig Nahrung. Oft wandert man durch
diese karge Landschaft mehrere Kilometer, bis man endlich wieder auf einen Baum
trifft, der etwas Schatten und Nahrung bietet. Um einen solchen Baum geht
es auch in dieser Geschichte. Mitten in der Steppe erhebt sich ein solcher
großer Baum, an dessen Zweigen saftige reife Früchte hängen. Alle Tiere
dieser Gegend versammeln sich dort regelmäßig zum Fressen.
Nun lassen sich bei den Tieren ganz unterschiedliche Überlebensstrategien
erkennen, die Ihnen die Natur gegeben hat. Die beiden Extreme, die Giraffe
und die Maus, sollen hier näher betrachtet werden. Da ist zunächst die
Giraffe. Sie ist ein großes, stattliches Tier. Ihr langer Hals und ihre
riesige Zunge ermöglichen es ihr, auch noch die Früchte an den höchsten
Ästen des Baumes zu erreichen. Mit unreifen Früchten, die noch sauer
schmecken, oder mit den überreifen Früchten, die schon zermatscht am Boden
liegen, braucht sie sich nicht zu plagen. Souverän holt sie sich die
besten Stücke vom Baum, lutscht diese und spuckt genussvoll den Kern
zu Boden.
Allerdings zahlt die Giraffe für diese Perfektion biologisch gesehen einen
hohen Preis. Ihr Herz ist im Vergleich zur Körpergröße gigantisch. Die
riesigen Herz- und Halsmuskeln müssen ständig mit Sauerstoff und Nahrung
versorgt werden, damit dieses aufwändige System funktioniert und das Blut
auch noch im hoch gelegenen Kopf ankommt. Deswegen muss sie auch fast den
ganzen Tag lang Früchte fressen.
Ganz im Gegensatz dazu steht die kleine Maus. Die Maus kann nicht
klettern. Okay – an alle, die in Biologie etwas anderes gelernt haben:
Haltet Euch bitte jetzt mit Eurem Widerspruch zurück – denn sonst
funktioniert dieses Gleichnis nicht! Also, die afrikanische Maus in der
Kalahari-Steppe kann NICHT klettern. Deshalb muss sie unter dem Baum nach
den Früchten suchen, die schon am Boden liegen. Viele davon sind schon
halb verfault, matschig, angebissen oder zertreten. Doch die Maus hat
Hunger. Sie muss nun versuchen, die noch verwertbaren Stellen an diesen
Früchten abzuknabbern und dabei um die schlechten Stellen herum zu essen.
Verängstigt und hungrig sucht sie den Boden ab. Dabei muss sie auch noch
aufpassen, nicht von den größeren Tieren zertreten zu werden. Wenn sie das
aber geschickt genug macht, kann auch sie überleben und die Erhaltung
ihrer Art sichern.
Biologisch gesehen hat sie dabei durchaus gute Überlebens-Chancen. Denn
sie braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Alles an ihr ist ziemlich
klein, deshalb reicht ihr wenig Nahrung aus. Außerdem sind Mäuse sehr
flexibel und haben biologisch gesehen gelernt, mit knapper und
minderwertiger Nahrung gut
auszukommen.
Allerdings ist es für beide Tiere sehr wichtig, dass sie nach ihrer
eigenen Strategie vorgehen. Die Giraffe würde unter ihren Möglichkeiten
bleiben, wenn sie nur die Früchte vom Boden aufsammeln würde, und würde
wahrscheinlich verhungern oder Bauchweh bekommen. Die Maus wiederum sollte sich auf die Früchte
am Boden konzentrieren. Wenn sie wild umher hüpft, um vielleicht doch noch
von einer perfekten Frucht an einem Ast etwas abzubekommen, vergeudet sie
nur unnötig ihre Kraft und Zeit. Zu aller erst sollte sie die Früchte am
Boden gründlich nach etwas Verwertbarem durchsuchen.
Interpretation des Gleichnisses
Was hat diese Geschichte nun mit deiner Matheklausur zu tun? Nun ja, es
gibt auch unter den Schülern so etwas wie Giraffen und Mäuse. Und jede
Klausur stellt so etwas wie unseren Baum in der Steppe dar. Da gibt es
Punkte, die sollten für jedermann zu holen sein – wie die Früchte am
Boden. Lehrer bezeichnen diese Aufgabenteile gern als
„Reproduktionsaufgaben“. Das bedeutet, alles was man tun muss, ist es,
auswendig gelerntes Wissen, z.B. Formeln, hinzuschreiben. Oder eine
einfache Aufgabe so auszurechnen, dass nach wenigen ganz einfachen
Rechenschritten das Ergebnis steht.
Und hier versuchen die Mäuse unter den Schülern leider viel zu oft, die Giraffentaktik
anzuwenden. Die schwächeren Schüler vergeigen regelmäßig im vermeintlichen
Zeitdruck solche Geschenke,
die Ihnen der Lehrer macht, und die ihnen bei gründlicher Betrachtung in der Endabrechnung vielleicht noch die
Note ausreichend gebracht hätten. Ganz konkret sind die Fehler folgende:
- Es wird zu wenig Zeit für die einfachen Aufgaben verwendet. In der
Hektik begeht der Schüler bei diesen Stellen dumme Fehler, die sogar noch unter seinem
niedrigen Niveau liegen. Leute, wenn ihr schlecht vorbereitet seid, dann
müsst ihr die Klausur erst recht locker sehen. Ihr könnt heute eh nix
reißen, aber nehmt wenigstens die einfachen Punkte mit, die Mäuse-Nahrung! Hektik ist
unangebracht, Ihr werdet für die Aufgaben, die für Euch bestimmt sind,
also die Früchte am Boden,
genug Zeit haben – denn wahrscheinlich braucht ihr einen Großteil der
Klausur gar nicht anzufangen.
- Zum richtigen Punkteholen a la Mäusetaktik gehört z.B., dass man die
gegebenen und gesuchten Größen hinschreibt. Oder dass man eine bekannte
Formel beim Ansatz schon einmal hinschreibt - und zwar erst einmal so, wie
sie in der Formelsammlung steht. Allein dafür gibt es oft
schon mehrere Punkte.
- Weiterhin gehört zur Mäusetaktik, dass man mit den Rechnungen SORGFÄLTIG ist. Am besten alles doppelt absichern und jede Zeile noch einmal
hinterfragen! Jede Frucht muss einzeln umgedreht und begutachtet werden!
Ansonsten schleichen sich Vorzeichenfehler und Fehler beim Ein- und
Ausklammern in die Arbeit, die Euch am Ende echt teuer zu stehen kommen.
Holt die Punkte, die der Lehrer für Euch ganz alleine ausgelegt hat, auch
wenn die Giraffen in Eurer Klasse (die Streber und Mathe-Genies) darüber
vielleicht lachen und schon an der Bonusaufgabe arbeiten. Diese Schüler
würden sich über die Note ausreichend nicht freuen, deshalb müssen sie
mehr Klausurteile bearbeiten.
- Wenn Ihr (kleinen armen Mäuse) Euren Hals nach den richtig saftigen Stücken hoch oben im Baum
reckt, dann müsst Ihr eine Giraffe sein – also eine vernünftige
Vorbereitung für die Mathearbeit geleistet haben. Der Mäusehals ist zu
kurz, es bringt nichts außer Zeitverschwendung, wenn ihr Eure Klausurzeit
für die Transferaufgaben verwendet, um dort auf einen Zufallstreffer zu
hoffen.
In der Mathematik gibt es nur wenig Raum zwischen Können
und Nicht-Können. Das schlechte Gefühl, das die Mäuse unter den Schülern
bei der Nahrungsaufnahme plagt, sollten sie als Anlass nehmen, um
rechtzeitig ihre Halsmuskeln und ihr Herz zu trainieren - dann werden sie
eines Tages auch ein paar von den reifen saftigen Früchten erreichen!
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